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19.01.10
Augenzeugenbericht aus Haiti
Liebe Kolleginnen und Kollegen, eben aus Haiti zurückgekehrt, nutze ich gleich die Gelegenheit, um Euch auf dem Laufenden zu halten…
Jesuitenmission
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Stichwort: 33400 Erdbebenhilfe Haiti
Ich war Mitglied einer Organisationsplattform-Kommission, welche von Santo Domingo aus koordiniert auf die Situation reagieren wollte. Als wir in Jimaní (südöstlich von Port-au-Prince, dem nächstgelegenen Ort von dominikanischem Gebiet aus) ankamen, teilte sich unsere Gruppe in zwei Untergruppen auf: eine sollte dafür verantwortlich sein, die Situation in dieser Grenzstadt zu analysieren und dort Kontakte herzustellen; die andere sollte sich auf haitianisches Gebiet begeben, um dort die Situation zu analysieren, feste Verbindungen zu errichten und die nötige Hilfe zu kanalisieren. Ich wurde Mitglied der zweiten Untergruppe.
Die Kommission, welche in der Dominikanische Republik blieb, erzählte uns, wie sich die Hilfe von diesem Land aus mit Krankenwagen, günstigen Mittagstischen, besonderer Betreuung in den Spitälern, schweren Maschinen und dem Eintreffen von Monteuren und Fachleuten aus verschiedenen Organisationen entfaltete. Die Pfarrei dieser Stadt hilft den Haitianern, welche das Spital wieder verlassen konnten. Ihre Pfarr-Räume haben sich in ein Aufnahmezentrum verwandelt. (…)
Unsere Gruppe überquerte die Grenze früh. Die Autoritäten beider Länder machten keine Schwierigkeiten. Alles wurde dafür vorbereitet, dass wir das Land betreten und verlassen konnten, ohne selbst die Pässe zeigen zu müssen. Von der Botschaft wurde uns mitgeteilt, dass die Grenze für alle offen stehe, welche Hilfe leisten wollten.
Die ersten drei Ortschaften neben der Grenze wiesen fast keine Beschädigungen auf. Schäden werden aber offensichtlich, wenn man die Zone erreicht, in welcher das Jesuiten-Noviziat liegt (Tabaré). Dort gibt es viele eingestürzte Gebäude, doch wir erblickten keine Toten. Unser Noviziat und die Häuser in der Nähe sind beträchtlich beschädigt, so dass unsere Mitbrüder in Zelten auf dem Hof wohnen. Bis dahin stand das Noviziat noch nicht in Kontakt mit den anderen zwei Kommunitäten der Stadt. Es gibt keine telefonische Verbindung, auch keine Internetverbindung.
Nachdem wir Tabaré verlassen hatten, begaben wir uns nach Delmas. Dort bot sich uns ein sehr desaströses Panorama: es gab viele Tote, viele Häuser waren völlig zerstört, jede Menge Leute suchten mit den wenigen Habseligkeiten, welche sie besitzen, einen Ort, wo sie wohnen könnten. Es gibt fast keinen öffentlichen Verkehr. Die Leute laufen von einem Ort zu anderem. Es gibt viele provisorische Campingplätze. Viele Menschen werden auf engem Raum zusammengepfercht. Vielerorts intensiviert sich der Geruch von verwesenden Leibern unter dem Bauschutt. Es fehlt an Wasser und an Essen. Offene Geschäfte finden sich kaum. Die Supermärkte, die wir gesehen haben, sind alle zerstört.
In dieser Gegend befinden sich die Büros der Caritas. Die meisten Mitarbeitenden konnten noch nicht zur Arbeit zurückkehren. Die Katastrophe hat alle getroffen, indem sie Leben oder Wohnort verloren, verwundet wurden oder keine Kleider oder Lebensmittel mehr haben. Sie warteten auf die Unterstützung ihrer Kollegen aus dem Ausland an diesem Abend. Wir einigten uns darauf, einen Teil unserer Hilfe mit ihnen zu koordinieren.
Später konnten wir nach Canapé Vert gehen, wo es eine andere Jesuitengemeinschaft gibt. Der ganze Weg ist grauenhaft. Soviel Zerstörung und so viele Kadaver! Wir trafen uns mit P. Kawas und P. Midi. Beiden geht es gut. Sie erlitten keine körperlichen Schäden. Ihr Haus brach nicht zusammen, wurde aber schwer beschädigt. Sie schlafen im Hof neben vielen Nachbarn, deren Häuser vollständig zerstört wurden. Die Strasse, welche sich vor dem Haus der Jesuiten hinzieht, verwandelte sich in ein weiteres Beispiel eines Campingplatzes von Menschen, welche ohne Bleibe geblieben sind.
Der andere Mitbruder der Gemeinschaft, Nonó, ist verletzt. Er wurde vom Erdbeben überrascht, als er nach Hause kam und die Wand des Nachbarhauses auf ihn fiel und seine Knochen brach. Er wurde nach Ville Manrese, unserem alten Exerzitienhaus, gebracht, das heute von den "Pères Serviateurs" geleitet wird. Das Haus selbst ist eingestürzt. Nonó befindet sich im Innenhof, zusammen mit vielen anderen, welche dazu verurteilt sind, ein provisorisches Lager auf engstem Raum in großer Not zu teilen. Wir einigten uns darauf, ihn sobald wie möglich nach Santo Domingo zu bringen, damit er dort behandelt werden kann. Beten wir darum, dass es während der kommenden Tage nicht regnen wird, damit die Tragödie nicht noch größer wird. Viele Zelte und Nothäuser - und damit auch Toiletten - werden nötig sein.
Kawas begleitete uns, um die Situation im Zentrum von Port-au-Prince zu sehen. Ich fasse es kurz: Es ist absolut zerstört. Alle staatlichen Gebäude sind kaputt. Das erklärt auch, dass die Regierung kaum Initiativen ergreifen kann. Wir sahen keine einzige einigermaßen intakt gebliebene Schule oder Kirche. Die Kathedrale ist komplett zerstört. Im erzbischöflichen Gebäude sind sie immer noch daran, Leichen zu bergen. Genau gleich ist es im Hauptpriesterseminar. Die Gebäude für die religiöse Ausbildung sind zerstört. Wir besuchten manche Lokale von NGO's. Wir stießen nur auf zerstörte oder geschlossene Orte oder Mitarbeiter, welche unter dem Tod ihrer Arbeitskollegen leiden. Alle diese Faktoren erklären zum großen Teil, weshalb die Zivilgesellschaft bisher äußerst schwach reagiert hat. Alle befinden sich im Schockzustand und leiden unter dem Schmerz und der Situation, welche sie überwältigt.
Das Geschäftsviertel ist der am schlimmsten zerstörte Stadtteil. Es gibt weder Läden, um etwas einzukaufen, noch Banken, um Geld abzuheben. Alles ist eingestürzt. In dieser Zone kann man nur Schrott, Tote und den Schmerz unserer Mitmenschen wahrnehmen.
Der große Park in der Nähe des Regierungsgebäudes (das beinahe vollständig zerstört ist), ist von Verletzten überfüllt. Ein Meer von Menschen. Bisher konnten wir keinen Logistikplan für die Ernährung all dieser Menschen feststellen. Wir hoffen, dass sich ab morgen Hilfe in Form von Wasser, Lebensmitteln und Kleider für diese riesige Menschenmasse eintrifft. Bei Einbruch der Dunkelheit bemerkten wir, dass die Zahl der freiwilligen Helfer zunahm. Wir erfuhren von Sitzungen von etlichen Arbeitsgruppen, welche begannen aktiv zu werden.
Ich beende diesen Brief mit den folgenden Feststellungen und Vorschlägen:
- Die Ernährung (Wasser und nicht verderbliches Essen), Gesundheit (Begraben der Leichen, Erwerb von Orten für die leiblichen Bedürfnisse) und Orte, um sich zu schützen, sind im Moment nicht befriedigte Grundbedürfnisse. Hierfür ist sofortige Zusammenarbeit notwendig.
- Es ist dringend nötig, Lebensmittel, Wasser, Medikamente, Produkte für die Hygiene und Dächer oder Zelte, um sich zu schützen, zu beschaffen.
- Es braucht notwendig medizinisches Personal für Soforthilfe.
- Die Hilfe muss sich auf Port-au-Prince konzentrieren. Die Regierung und die internationalen Instanzen müssen die Hauptaktionen starten. Wir haben die Aufgabe, in Solidarität mitzumachen, kleine besondere Gemeinschaften zu begleiten (vielleicht rund um Ville Manrese und um die Gebiete in der Nähe?), die Unterstützung für jene Organisationen, welche schon lange dort arbeiten, zu kanalisieren, aufgrund unserer Erfahrung Vorschläge auszuarbeiten und dafür zu sorgen, dass die internationalen und staatlichen Instanzen effektiv und effizient arbeiten können.
- Es ist wichtig, sich auch in Jimaní zu etablieren, weil man dort mit den Hilfsdiensten der Pfarrei kooperieren kann.
- Es ist sehr wichtig zu helfen, um die organisatorische Netze in Port-au-Prince wiederherzustellen. Teil unseres Beitrages muss es sein, jene Organisationen in Bescheidenheit zu unterstützen und zu begleiten, welche vor Ort für Leben sorgen.
- Vor allem müssen wir den Menschen von Haiti, ihrer Kirche, ihrem religiösen Leben, ihren Organisationen und unseren Mit-Jesuiten zeigen, dass wir mit ihnen in diesem leidvollen Moment vereint sind…
Helfen Sie bitte mit Ihrer Spende den Opfern des Erdbebens in Haiti:
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