Nachruf: Bruder Franz Gabriel

Bruder Franz Gabriel SJ
Bischof Dieter B. Scholz SJ aus Chinhoyi/Zimbabwe erinnert sich in seiner Predigt, die bei der Beerdigung von Bruder Gabriel am 25. August in Berlin vorgetragen wurde, an viele Begegnungen mit Bruder Franz Gabriel.
Ein Gast ist wie Christus
Nachruf auf Bruder Franz Gabriel
Vor gut vierzig Jahren wurde Pedro Arrupe bei einem Treffen mit jungen Jesuiten gefragt, welches unserer drei Gelübde das wichtigste sei. "Das Gehorsamsgelübde", antwortete er ohne Zögern, und zur Überraschung seiner jüngeren Zuhörer, die nach der Kulturrevolution der sechziger Jahre natürlich das zweite Gelübde im Sinne hatten und mit ihm diskutieren wollten. Pater Arrupe erklärte, das Gehorsamsgelübde sei deshalb so wichtig, weil es die Grundlage unserer apostolischen Verfügbarkeit sei. An dieser Bereitschaft, eine apostolische Aufgabe zu übernehmen, weil die Gesellschaft es wolle, hapere es bei vielen jüngeren Mitbrüdern, sagte er, vor allem wohl deshalb, weil sie das Gehorsamsgelübde nicht recht verstanden hätten oder umzusetzen bereit wären.
Pater Arrupe hätte an Bruder Franz Gabriel seine Freude gehabt, denn Franz Gabriel war ein Mann der vorbehaltlosen apostolischen Verfügbarkeit. Die Freiheit für diese Gabe hat er sich durch viel Gebet and manchmal harte Opfer erkämpft. Seine Verfügbarkeit hat ihn von der Pförtnerloge in Oppeln über manche andere Jesuitenniederlassungen in Schlesien nach Berlin, dann an den Jakobsberg, von dort wieder nach Berlin, von Berlin an den Sambesi, vom Sambesi nach Nürnberg und von dort schließlich nach Kladow geführt. Hier, im Peter-FaberKolleg, konnte er nach vielen Jahren rastloser und oft aufreibender Arbeit endlich für einige kurze Jahre ausruhen, obwohl diese Zeit bereits von schwerer Krankheit überschattet war.
Aus seiner apostolischen Verfügbarkeit erwuchsen Franz Gabriel viele menschliche und geistliche Qualitäten, die besonders junge Menschen hier in Europa wie in Afrika zu schätzen wussten. Ich will drei nennen.
Bruder Gabriel war ungewöhnlich vielseitig: er konnte nähen, kochen, organisieren, verwalten, geistliche Gespräche führen, gute und gesunde Ratschläge geben - und all dies tat er mit seinem liebenswürdigen Lächeln und so manchen guten Worten. Viele junge Menschen fühlten sich durch ihn angezogen und zur Gesellschaft hin gezogen.
Bruder Gabriel war zweitens ein ungewöhnlich harter Arbeiter. Ich habe mit ihm als Novize auf dem Jakobsberg gelebt, wo das Essen oft noch knapp war. Franz Gabriel fuhr mit seiner alten BMW bis nach Westfalen, um Nahrungsmittel zu erbetteln, die er dann mit der Bahn nachkommen ließ. Wir Novizen gingen nie hungrig aus, und ältere Mitbrüder, wie Pater Hapig und Pater Bley, die stets etwas Besonderes brauchten, bekamen ihre Delikatessen pünktlich und fein zubereitet auf einem Tablett serviert. Bruder Gabriel war stets der erste morgens in der Küche und spät abends - lange nachdem wir das Salve Regina gesungen hatten - der letzte, der im Haus das Licht ausmachte.
Wir trafen uns fast 20 Jahre später wieder im Canisius House in Harare. Dort war er Minister. Ich war alle 6 oder 8 Wochen dort für einige Tage Gast wenn ich von Mary Mount Mission zum Einkaufen in der Stadt war. Franz Gabriels Gastfreundschaft war sprichwörtlich - bekannt und geschätzt weit über die Grenzen der Sinoia Mission hinaus. Englische Scholastiker kamen ebenso gern und häufig bei Bruder Gabriel zum Essen, wie jener hünenhafte amerikanische Moralprofessor, der im Chishawasha Seminar nie so recht satt wurde und einmal in der Woche bei unserem guten Franz vorsprach und ein tellergroßes Steak serviert bekam.
Diese Gesten waren bei Bruder Gabriel so natürlich und selbstverständlich, dass alle Mitbrüder sich bei ihm willkommen und herzlich aufgenommen fühlten - Schwarze und Weiße, Europäer, Amerikaner, Iren und Kanadier. Die Gastfreundschaft, mit der wir jederzeit von Franz Gabriel aufgenommen wurden, war schlicht vorbildlich. Für ihn galt das Wort, „Hospes est alter Christus", ein Gast ist wie Christus.
Bei all seiner Arbeit fand Franz Gabriel stets Zeit zu einem ausführlichen Gespräch. Er war interessiert an der Arbeit der Missionare ebenso wie dem Frust der Scholastiker. Er konnte gut und lange zuhören. Daher war er auch sehr gut informiert, doch stets äußerst diskret im Umgang mit Menschen.
Drittens war Bruder Gabriel ein zutiefst geistlicher Mensch, ein Mann der Exerzitien. Während der jährlichen Exerzitien hat er sich wohl die Freiheit für seine apostolische Verfügbarkeit erkämpft. Trotz seiner vielen Arbeiten und Verpflichtungen war die tägliche Eucharistiefeier für ihn der unentbehrliche Mittelpunkt seines Lebens. Als nach der Gründung der Simbabwe Provinz das Canisius House von einem Gästehaus der Sinoia Mission in ein Heim für alte und kranke Mitbrüder umgebaut wurde, bestanden mehrere kranke Mitbrüder darauf, ihre Messe nur mit Bruder Gabriel als Ministrant und Helfer zu feiern.
Es gäbe noch viel Gute und Erbauliches über diesen ungewöhnlichen Mitbruder zu sagen. Jeder von uns, der ein Stück seines Weges mit ihm gehen durfte, hat seine eigenen Erinnerungen. Wir lassen sie uns in diesen Tagen dankend durch den Kopf gehen in der Gewissheit, dass der gute Bruder Franz für uns alle Fürsprache einlegt, so wie wir für ihn erbitten, dass er nun die Erfüllung seines Glaubens und seiner Hoffnung finde.
Amen
Bischof Dieter Scholz, Bischof der Diözese Chinhoyi, Zimbabwe im August 2009