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22.01.10
Neues von Martin Lenk SJ
21. Januar 2010
Padre Martin Lenk SJ
PS: Die Jesuitenmission in Nürnberg hat ein eigenes Spendenkonto errichtet, von dem wir die Unterstützung bekommen:
Jesuitenmission
Spendenkonto 16 16 16
Liga Bank, BLZ 750 903 00
Stichwort: 33400 Erdbebenhilfe Haiti
Liebe Freunde,
ganz herzlichen Dank für die schnelle und großartige Hilfe. Hier in der Dominikanischen Republik ist heute Feiertag, „La Altagracia“, die Muttergottes als Beschützerin des Landes, so komme ich dazu Euch ein wenig von den Eindrücken zu schreiben.
Am Samstagmorgen bin ich zusammen mit unseren fünf haitianischen Jesuitenstudenten nach Port-au-Prince gefahren. An der Grenze wurden wir einfach durchgewunken. Es wird alles getan, um Hilfslieferungen zu beschleunigen. Wir sind zunächst in unser Noviziat gefahren, das Gebäude hat nur leicht gelitten, der Wassertank auf dem Dach ist zusammengebrochen. Im großen Hof und Garten des Noviziats entsteht ein großes Lager für Hilfsgüter, auch US-Ärzte zusammen mit einem amerikanischen Jesuitenbruder haben hier Lager aufgeschlagen. Koordiniert wird gemeinschaftlich von haitianischer Seite von P. Kawas von P. Moreno (Mario Serrano) der unser Sozialzentrum Bonó und den Jesuitenflüchtlingsdienst in der Dominikanischen Republik leitet. Vom Noviziat aus werden die Hilfsgüter an die verschieden Verteilungspunkte gebracht.
Wir haben dann versucht die verschiedenen Familienangehörigen unserer Studenten ausfindig zu machen. Viele haben ihre Häuser verloren. Alle leben auf der Strasse. Die nächsten Angehörigen unserer Studenten sind alle am Leben, aber es gibt den Tod von vielen Freunden, Verwandten, Nachbarn und Bekannten zu beklagen.
Jeder der Überlebenden hat seine Geschichte zu erzählen, Brillaire, der im letzten Jahr sein Studium bei uns abgeschlossen hat, war auf dem Flachdach unseres Hauses in Delmas 31 während des Erdbebens. Er konnte sehen, wie um ihn herum alle Häuser zusammenbrachen. Zwei kanadischen Novizen, waren vor wenigen Stunden im Haus angekommen, um eine fünfmonatige Erfahrung in Haití zu machen, nach der herzlichen Begrüßung war das Erdbeben.
Der einzige Jesuit der schwer verletzt wurde ist P. Derino Sainfariste, kurz Nono genannt. So weit bislang die Geschichte rekonstruiert werden konnte, war er in seinem Auto auf dem Weg nach Hause, als er vom Erdbeben überrascht wurde. Das herabstürzende UNO-Gebäude hat einen Teil seines Wagens begraben. Vorbeikommende Leute hatten keine Möglichkeit ihm zu helfen, nachdem mehr als ein Tag vergangen ist, bittet er einen Jungen um Wasser, der ihn als Pater Nono erkennt, und zu den Priester in Ville Manresa läuft. Ville Manresa gehörte früher den Jesuiten, wurde aber bei der Ausweisung Jesuitenordens durch den Diktator Papa Doc für einen Dollar an die Patres von Saint Viateur verkauft, um so einer Verstaatlichung zu entgehen. Nach der Rückkehr vor zwanzig Jahren, wollte der Jesuitenordens Manresa nicht wieder übernehmen. Die benachrichtigten Patres haben sich sofort um Maschinen bemüht, um P. Nono zu retten. Nach etwa fünfstündiger Arbeit, konnte er aus dem Auto befreit werden, um im Notkrankenhaus im Park des ebenfalls zusammengestürzten Ville Manresa unterzukommen. Einen Tag später konnten wir Nono nach Santo Domingo bringen, hier hat er schon drei Operationen hinter sich gebracht, um die Amputation eines Beines zu verhindern.
Von unseren Studenten hat mich besonders der Besuch in Leoganne beeindruckt. Die Schwester von Johnny Masséba, eines unserer Studenten, hatte gerade ihren 8-jährigen Sohn in den Hof geschickt, um sich zu waschen. In diesem Moment ereignet sich das Erdbeben und das zweistöckige Haus mit Betondecke bricht in sich zusammen. Der kleine läuft auf die Strasse und schreit: Mama ist tot! Einige Nachbarn kommen zusammengelaufen, und holen die junge Frau unter Gefahr ihres eigenen Lebens aus dem eingestürzten Haus. Beim betrachten der Trümmer kann ich nicht verstehen, wie da jemand wohlbehalten herausgekommen ist...
Überall sind die Leute auf der Strasse, einige Holzstangen und ein Bettücher dienen als Behelfszelte. Die Leute sind still, über allem liegt eine Trauer und natürlich auch Hunger und Durst. Einer unserer haitianischen Studenten sagt: Wir sind es gewohnt, ums überleben zu kämpfen. Die Leute sind mit dem Elend, dem Malheur vertraut. Sicher sind alle besorgt um die Sicherheit, aber von Unruhen und Gewalt haben wir nirgends etwas gesehen.
In unserer Philosophischen Hochschule ist an einen normalen Unterrichtsbetrieb noch nicht zu denken. Etwa 30 % unserer Studenten sind haitianische Seminaristen verschiedener Ordensgemeinschaften. Immer wieder wird der Unterricht unterbrochen, weil Laster beladen werden müssen oder eine neue Hilfslieferung eintrifft oder ein haitianischer Student als Dolmetscher benötigt wird. Es hätte ja wohl auch wenig Sinn einer Ethikvorlesung zuzuhören, ohne selbst mitzuhelfen. Hier im Zentrum Bonó ist außer der Philosophischen Hochschule auch der Jesuitenflüchtlingsdienst und das Sozialzentrum P. Juan Montalvo. Das Zentrum ist Anlaufpunkt für Hilfeleistungen. Zwei große Lagerhallen an der Autopista Duarte wurden uns geliehen, von dort kommen die Hilfsleistungen über die Grenzstadt Jimaní in Lastern nach Haiti.
Viele haben natürlich hier bei uns und überall auf der Welt die Frage gestellt: Wo war Gott während des Erdbebens? Warum geschieht so etwas? Ein amerikanischer Prediger spricht von der Strafe Gottes. Das scheint mir eine falsche und unhaltbare Erklärung. Natürlich sind wir Sünder, aber diejenigen, die es getroffen hat, haben es nicht mehr verdient als wir. Natürlich haben wir alle gemerkt, wie sich in weniger als einer Minute die ganze Welt verändern kann. Trotzdem, noch einmal die Frage: Wo war Gott? Wo ist Er? Ich glaube es gibt nur eine richtige Antwort: Er ist hier, unter den Trümmern, in den improvisierten Krankenlagern, auf der Strasse, durstig, hungrig, nackt, traurig, verletzt. Gott ist Mensch geworden, nicht um alles Leid von der Welt zu nehmen, sondern um im tiefsten Leid am meisten gegenwärtig zu sein: Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben, durstig, notleidend... Das Abschlussdokument der 5. Konferenz des CELAM in Aparecida spricht vom Antlitz Christi, das wir im Antlitz so vieler Menschen wiederfinden, in denen wir Ihm dienen sollen. Dann kann aus so viel Leid auch wieder Hoffnung werden. Die unglaubliche Solidarität und Unterstützung die Haiti in diesem Moment erfährt ist ein solches Zeichen. Gestern war hier in Santo Domingo in der Kathedrale eine Hl. Messe für die Erdbebenopfer, die dominikanischen Bischöfe haben zelebriert, begleitet von vielen Menschen. Der Präsident und seine Regierung waren anwesend. Am Ende spricht P. Aimedé, Leiter der haitianischen Seelsorge in der Dominikanischen Republik, ein Wort des Dankes an so viele, die helfen. Er meinte, dass jeder Haitianer, der lebt, das beste Zeichen des Dankes ist. Ein riesiger Applaus füllte die Kathedrale. Am Samstag ist das Requiem und die Beerdingung des Erzbischofs von Port-au-Prince und mit ihm symbolisch für so viele, die gestorben sind und in Massengräbern ihre letzte Ruhe gefunden haben. Der Gottesdienst wird neben der zerstörten Kathedrale sein. Von hier wird natürlich eine Delegation teilnehmen. Ich bin sicher, dass es da nicht nur um Trauer geht, sondern vor allem um Auferstehung. Dass Glaube, Hoffnung und vor allem Liebe viel größer und stärker sind als der Tod merken wir schon jetzt.
Euch alle ein herzliches Vergelt´s Gott und seinen Segen,
Euer
Padre Martin Lenk SJ
PS: Die Jesuitenmission in Nürnberg hat ein eigenes Spendenkonto errichtet, von dem wir die Unterstützung bekommen:
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Jesuitenmission
Spendenkonto 16 16 16
Liga Bank, BLZ 750 903 00
Stichwort: 33400 Erdbebenhilfe Haiti
Sie können hier auch direkt online spenden: -> Zur Onlinespende
Wir danken Ihnen für Ihre Hilfe!
Hinweis: Den Rundbrief von Martin Lenk SJ können Sie hier auch als pdf herunterladen.
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