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Zermalmt zwischen Fronten

Der Krieg in Sri Lanka tobte erbarmungslos

Tote, Verletzte, Flüchtlinge: Die Zivilbevölkerung im Norden Sri Lankas leidet unermesslich. Der Jesuitenflüchtlingsdienst (JRS) unter der Leitung seines internationalen Direktors Peter Balleis SJ bietet trotz aller Hindernisse Hilfe und Begleitung.

Mit großen dunklen Augen schaut der 12-jährige Junge seinen Besucher aus Rom fragend an. Vielleicht kann er ihm das Unbegreifliche verständlich machen. Dass eine Bombe sein rechtes Bein abgerissen hat. Dass sein Vater tot ist. Dass seine Schwester ebenfalls verwundet im Krankenhaus von Mannar in Norden Sri Lankas liegt. Die Familie war auf der Flucht vor den erbittert geführten Kämpfen zwischen Sri Lankas Militär und den Rebellen der Tamil Tigers zwischen die Fronten geraten. Sie gehörte zu den eingekesselten Zivilisten in der Vanni-Region und es gab keine Möglichkeit, dem gnadenlosen Beschuss zu entkommen. Es war dasselbe heftige Geschützfeuer, das den Vater tötete und die beiden Geschwister verwundete. Ihr Großvater begleitete die beiden auf einem der wenigen noch  durchkommenden Konvois des Internationalen Roten Kreuzes, dem es erlaubt worden war, zivile Opfer dieses Gefechts aus der Kriegszone herauszubringen und ins Krankenhaus des Mannar-Distriktes zu transportieren.

 

Eine einzige Frage: Warum?

 

Der Mann aus Rom spricht lange mit dem Jungen und seinem Großvater. Es ist zu sehen, wie nahe ihm das Schicksal, die Verzweiflung und die Tränen der Kriegsverletzten im  Krankenhaus gehen. Fast jedem fehlen ein Arm oder ein Bein oder beides. Auch als internationaler Direktor sucht Peter Balleis SJ vor allem die persönliche Begegnung mit den Menschen, für die der Jesuitenflüchtlingsdienst da ist. „Es sind nicht Statistiken über Kriegsopfer und Flüchtlinge, die die Tiefe des Schmerzes und des Leidens offenbaren, sondern die Gesichter und die Geschichten der unschuldigen Opfer. Die suchenden Augen dieses Jungen haben mich veranlasst, mir seine Fragen zu eigen zu machen: Warum? Was ist der Sinn in diesem brutalen Krieg zwischen Armee und Rebellen, der lediglich die Leben von armen, machtlosen Menschen zerstört?“

In diesem Auto wurde 2007 der JRS-Koordinator P. Packia Ranjith durch gezielt gezündete Minen getötet.
Eine tamilische Familie, die aus der Kriegszone geflohen ist. Jetzt lebt sie in einer Schule, die zum Internierungslager umgewandelt wurde.

26 Jahre Bürgerkrieg

 

Seit 1983 kämpfen die Befreiungstiger für einen unabhängigen Staat der tamilischen Minderheit in Sri Lanka. Mehr als 80.000 Menschen sind bis heute in dem Bürgerkrieg gestorben. Viele Familien im Norden Sri Lankas haben im Laufe der Jahre die Folgen der verschiedenen Gewalt-, Anschlags- und Verhandlungsphasen zwischen Regierung und Befreiungstigern am eigenen Leib erfahren. Lily zum Beispiel. Sie ist eine 57-jährige Witwe mit elf Kindern. Ihr Ehemann Guy wird 1999 als Opfer des Bürgerkrieges getötet. Eine Militäroffensive vertreibt Lilys Familie aus ihrem Dorf Vidaththalthivu in der nördlichen Provinz Mannar. Artilleriebeschuss tötet Guy, als er zurückkehrt, um einige Habseligkeiten zu holen. Er ist auf der Stelle tot. Als 2002 ein von Norwegen vermittelter Waffenstillstand zwischen der Regierung und den Befreiungstigern unterzeichnet wird, kehrt Lily nach Hause zurück. Mitte 2006 verschwindet jede Hoffnung, dass der brüchige Waffenstillstand noch einmal wiederbelebt werden kann. Armee und Befreiungstiger liefern sich heftige Kämpfe. Ende 2007 muss Lily erneut fliehen, als sich Armeetruppen wieder Vidaththalthivu nähern. Lily und ihre Kinder ziehen von einem Dorf zum nächsten, um den sich nähernden Kämpfen zu entkommen. Mitte Mai 2009 sind die Befreiungstiger auf eine Kampfzone von nur drei Quadratkilometern zurückgedrängt. Auf dem Gebiet sind immer noch geschätzte 50.000 Zivilisten eingekesselt, die als menschliche Schutzschilde missbraucht werden. Auch nachdem die Regierung ihren Sieg über die Rebellen und den Tod ihres Anführers verkündet, ist das Leiden der Flüchtlinge noch lange nicht beendet.

 

Wohlfahrtsdörfer heißen diese von der Regierung aufgebauten Lager.
Kinder holen in einem Lager Wasser.

Internierung hinter Stacheldraht

 

„Es herrscht eine unvorstellbare humanitäre Katastrophe“, sagt Peter Balleis. „Die Eingekesselten wurden von mehreren Faktoren festgehalten. Die Befreiungstiger ließen die Leute zum Teil nicht gehen. Der zweite Faktor ist, dass sie bei dem flächendeckenden Artilleriebeschuss auch nicht einfach raus konnten. Das ist ja lebensgefährlich und deshalb blieben sie in ihren provisorischen Bunkern, in den Erdlöchern, die sie sich selbst gegraben haben. Ein dritter Faktor ist die Angst vor der Regierungsarmee.“ Alle Flüchtlinge, die es aus der Kampfzone herausschaffen, werden von Armee und Geheimdienst erst einmal darauf hin überprüft, ob sie irgendwelche Verbindungen zu den Tamil-Rebellen hatten. Da die Tamil Tigers jedoch im Norden systematisch zwangsrekrutiert haben, musste fast jede Familie einen Sohn, eine Tochter oder sogar zwei Kinder hergeben für den Krieg – gegen ihren Willen. „Und jetzt werden sie von der Regierung auch noch dafür verantwortlich gemacht. Davor haben sie Angst. Junge Leute, die im Verdacht stehen, selbst Tamil Tigers gewesen zu sein, werden aussortiert. Alle anderen Flüchtlinge kommen in Lager, die Wohlfahrtsdörfer heißen, aber faktisch von Stacheldraht umsäumt und vom Militär bewacht sind“, erklärt Peter Balleis. Diese von der Regierung kontrollierten Lager sind offensichtlich für eine Dauer von mehreren Jahren für Hunderttausende Menschen angelegt. Offiziell heißt es, die Gebiete im Norden müssten erst von Landminen geräumt werden, bevor man die Flüchtlinge wieder nach Hause schicken könne. „Ich glaube jedoch, dass diese langfristig angelegte Internierung der tamilischen Zivilbevölkerung dazu dienen soll, in der Zwischenzeit in ihren Heimatgebieten Singhalesen anzusiedeln, um so die zahlenmäßige Dominanz der tamilischen Bevölkerung im Norden Sri Lankas zu brechen. Es geht also darum, die Bevölkerungslandschaft in Sri Lanka aus politischen Gründen zu verändern.“

 

Radikalisierung und Gewalt

 

Für Peter Balleis ist eines ganz klar: „Die Leidtragenden in diesem Konflikt sind die Zivilbevölkerung. Die sitzen voll zwischen zwei Parteien, die ganz auf Gewalt gesetzt haben. Von beiden Seiten wurden Kompromisslösungen ausgeschlossen. Die Radikalisierung ist auf beiden Seiten. Und die Opfer sind die armen Leute. Und oft zählen zu denen auch die einfachen singhalesischen Soldaten, die von armen, bäuerlichen Familien rekrutiert wurden, die genauso in hoher Zahl sterben und die genauso ihre Füße weggerissen bekommen wie die armen einfachen Leute der Tamil-Bevölkerung.“

Das Leid der Zivilisten: Eltern suchen Hilfe für ihr verletztes Kind.
Menschen auf der Flucht.

Hinter den Fronten

 

Der Jesuitenflüchtlingsdienst (JRS) arbeitet seit vielen Jahren im nördlichen Krisengebiet Sri Lankas, vor allem im Bereich Schulbildung, Ausbildung, einkommenschaffende Maßnahmen für Witwen und Kriegsversehrte sowie beim Bau von Notunterkünften für Flüchtlinge. Viele der beim JRS in Sri Lanka als Freiwillige engagierten Projektmitarbeiter sind selbst tamilische Flüchtlinge. „Wir und auch die lokale Caritas der Jaffna und Mannar Diözese haben immer hinter den Fronten im Kriegsgebiet gearbeitet“, erklärt Peter Balleis. „Im letzten Jahr sind unsere Lehrerinnen und Lehrer – das sind ja alles Freiwillige, die selbst auch Flüchtlinge sind – mitgezogen mit der Bevölkerung, wenn sich die Front verändert hat. Sie haben versucht, den Unterricht für die Kinder aufrecht zu erhalten und Hilfsgüter zu verteilen. Auch nachdem internationale Hilfsorganisationen von der Regierung nicht mehr ins  Kriegsgebiet hineingelassen wurden, konnten die lokalen kirchlichen Organisationen wie JRS und Caritas weiterarbeiten. Mit sehr begrenzten Möglichkeiten natürlich. Wenn man Tag und Nacht unter Beschuss ist, kann man nicht mehr viel machen.“

 

Tag und Nacht unter Beschuss

 

Ein einheimischer Jesuit, Pater Joel, der lange bei den Eingekesselten in Vanni geblieben ist und erst vor kurzem aus der Kriegszone herauskam, beschreibt die Lage so: „Tag und Nacht waren in Vanni das Feuer der Artillerie, der Raketenwerfer, der Überschalljets, der Kriegsschiffe und der Landminen zu hören. Den Menschen wurde gewaltsam alles entrissen, was für eine menschenwürdige Existenz notwendig ist. Der Verlust von Leben und Gliedmaßen, der Verlust von Sicherheit und Arbeit, der Verlust von Eigentum und hart verdienten Ersparnissen, der Verlust von Gesundheit und Bildung zwingen diese hilflosen Menschen in die Knie und lasten schwer auf ihnen.“

Schulunterricht in einem Flüchtlingslager.
Eine junge JRS-Lehrerin, selbt tamilischer Flüchtling, hat ein Bein verloren.
Weiße Priesterkleidung erleichtert den Zugang: P. PS Amalraj SJ notiert sich in einem Lager Namen vermisster Anghöriger.

Katastrophale Versorgungslage

 

Mehr als 280.000 Frauen, Männer und Kinder sind auf der Flucht. Die 38 Lager, die von der Regierung im Norden Sri Lankas eingerichtet wurden, sind längst heillos überfüllt. Die Versorgung der Flüchtlinge mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Medikamenten bleibt ein großes Problem. Der Jesuitenflüchtlingsdienst (JRS) ist in Vavuniya und Jaffna in dreizehn Lagern mit elf JRS-Mitarbeitern und 321 lokalen Freiwilligen präsent. Neben Patientenbetreuung, Lebensmittel- und Kleiderhilfe, Zusatznahrung für geschwächte Kleinkinder sowie stillende Mütter leitet der JRS in zwei Lagern Kindergärten, in anderen Lagern hat er provisorische Schulgebäude errichtet sowie Schuluniformen, Schultaschen, Schulbücher und Materialien für die Lehrer bereitgestellt.

 

Das Dilemma der Hilfe

 

„Wir sind hier in einem Dilemma“, meint Peter Balleis. „Die Art und Weise, wie die Regierung und das Militär die Lager kontrollieren, willkürlich Familien auseinanderreißen und den Flüchtlingen jegliche Bewegungsfreiheit nehmen, verstößt gegen das internationale Recht. De facto laufen wir Gefahr, mit materieller Hilfe eine Regierungspolitik zu unterstützen, die gegen alle unsere Grundsätze in der Flüchtlingsarbeit verstößt. Aber wir haben uns entschieden, in den Lagern einen Fuß drinnen zu behalten. Es ist tatsächlich so, dass man mit Soutane, mit dem weißen Priesterkleid, noch eher Zugang zu den Lagern hat. Kirchliches Personal wird noch eher respektiert. Unser Anspruch und unser Ziel ist es, den Unterricht in den Lagern selbst zu übernehmen, ihn inhaltlich zu gestalten und nicht nur das Schulmaterial zu liefern. Im Moment können wir das nicht. Das übernimmt die Regierung, ganz sicher auch mit propagandistischen Absichten. Aber wenn wir sagen, in diesen Regierungslagern arbeiten wir aus Prinzip nicht, dann wissen wir gar nicht, was dort vor sich geht. Dann sind die Leute noch mehr ausgeliefert. Eine Präsenz der Kirche ist ganz wichtig, weil die Leute begleitet werden müssen. Das ist unser Mandat, die Menschen zu begleiten, egal in welcher Situation sie gerade sind. Ob sie in der Kriegszone oder ob sie im Lager sind, wir müssen sie begleiten.“

 

Tränen der Ohnmacht

 

Zurück in Rom macht sich Peter Balleis als Direktor des JRS auch auf internationaler kirchlicher und politischer Ebene für die Anliegen der Flüchtlinge in Sri Lanka stark. „Vieles davon läuft nicht lautstark öffentlich“, meint der 52-jährige Jesuit, „sondern eher hinter geschlossenen Türen mit Botschaftern, mit dem Vatikan, mit den Vereinten Nationen in Genf und in Washington, mit der Europäischen Union.“ Die Augen des 12-jährigen Jungen im Krankenhaus von Mannar und auch die eigenen Tränen, die Peter Balleis aus Ohnmacht und Mitgefühl mit den Flüchtlingen bei seinem Besuch in Sri Lanka geweint hat, sind ihm Antrieb genug.

 

(JRS Rom/Judith Behnen)

Diesen Bericht über die Flüchtlinge in Sri Lanka können Sie hier auch als pdf herunterladen:

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Flüchtlinge in Sri Lanka

Unsere Spendenbitte für den JRS

 

Das Elend der 280.000 Flüchtlinge in Sri Lanka gerät jetzt nach Ende des Krieges in voller Dramatik an die Öffentlichkeit. Helfen Sie dem Jesuitenflüchtlingsdienst (JRS), denen beizustehen, die so viel verloren haben: ihre Familie, ihr Zuhause, ihre Gesundheit. Für die Versorgung der Flüchtlinge braucht der JRS für die nächsten drei Monate 532.000 Euro. Die Summe klingt gigantisch, aber der JRS erreicht mit seiner Hilfe 25.000 Kinder und 10.000 Erwachsene. Pro Flüchtling bitten wir also um 15 Euro. Wir danken Ihnen von Herzen für Ihre Spende!

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