weltweit helfen > Guaraní-Indianer > Artikel
Überleben im Urwald
Bei den Guaraní-Indianern in Paraguay
Jesuiten helfen den Guaraní, ihr Überleben und ihre Kultur zu sichern. So wie die ersten Jesuitenmissionare, die vor fast vierhundert Jahren mit den Guaraní in den berühmten Jesuiten-Reduktionen lebten, so ist auch heute P. Filemón Torres SJ fasziniert von ihrer jahrtausendalten Weisheit im Umgang mit der Natur.
- Die vielen Kinder prägen das Bild in den Guaraní-Dörfern.
- Für die Jungen sind gezähmte Eulenküken, Papageien und Falutiere Spielgefährten.
- Die Frauen kochen Maniok, Bohnen und Süßkartoffeln auf offenem Feuer.
- Das mit Palmenstroh gedeckte Gemeinschaftshaus ist das Zentrum des Dorfes.
- Hinter dem Oporaíva, dem Priester, steht seine Partnerin, die immer in seiner Nähe bleibt.
- Das Korbflechten ist eine alte Kunst der Guaraní-Indianer.
- Für die Kinder fehlt es an Schulen und guten Lehrern.
Das erste, was einem auffällt, sind die vielen Kinder. Sie tragen zerschlissene T-Shirts und einige Gesichter sind nicht nur schmutzig, sondern auch zerkratzt. Fröhlich toben sie herum. Platz zum Spielen bietet das Dorf der Guaraní-Indianer im Wald allemal. Stolz präsentieren zwei Mädchen den Besuchern ihr Spielzeug: eine heiß geliebte Puppe und einen zerknautschten Teddybären. Es scheinen wertvollere Schätze zu sein als die gezähmten Tiere, mit denen sich vor allem die Jungen vergnügen: Papageien, Eulenküken, Welpen, ein kleines Faultier. Die Mädchen haben ihre jüngeren Geschwister im Schlepptau. Gelächter wechselt sich mit schnellen Worten in Guaraní ab – Spanisch ist nicht zu hören. Ein unbeschwertes Leben inmitten der unberührten Natur Paraguays?
Die Guaraní-Indianer sind wie alle anderen indigenen Gemeinschaften in Paraguay zu einer verschwindenden Minderheit geworden. Trotz ihrer hohen Geburtenrate – 6,3 Kinder pro Frau – sind nur noch 1,7% der mehr als 6 Millionen Einwohner zählenden Bevölkerung Paraguays Indianer. Ihr ursprünglicher Lebensraum in den Regenwaldgebieten schrumpft immer mehr zusammen angesichts der sich rasant ausbreitenden Plantagen internationaler Sojaunternehmen. Und auch ihr kultureller Reichtum, ihr Wissen um das Leben in und mit der Natur droht in Vergessenheit zu geraten. Die Guaraní-Dörfer, mit denen Filemón Torres SJ zusammenarbeitet, sind bitterarm. Aus Holzbrettern gezimmerte Hütten und ein mit Palmenstroh gedecktes Gemeinschaftshaus – mehr Infrastruktur bietet das Dorf nicht. Die Frauen haben die Töpfe mit Maniok, Süßkartoffeln und Bohnen auf offenem Feuer stehen, in der Glut werden die Fladenbrote aus Maismehl gebacken.
Die Ernte reicht nur für ein halbes Jahr
„Die Guaraní-Indianer leben hauptsächlich von der Landwirtschaft. Ihre Produktion für den Eigenbedarf deckt aber nur zwischen sechs und acht Monate des Jahres“, erklärt P. Torres. „Damit die Familien den Rest des Jahres überleben können, ist das Familienoberhaupt gezwungen, außerhalb der Gemeinschaften nach irgendeiner Form der Arbeit zu suchen. In der Mehrheit der Fälle verschlechtert dies allerdings die ökonomische Situation der Familien, denn die Gehälter, die Indigene erhalten, sind um 30% bis 40% niedriger als die der Arbeiter, die nicht indigen sind. Die Regierung tut nichts gegen diese Diskriminierung.“
Filemón Torres SJ arbeitet für die von Jesuiten geleitete Organisation CEPAG (Centro de Estudios Paraguayos Antonio Guasch), die sich die Förderung indigener Gemeinschaften in Paraguay zur Aufgabe gemacht hat. Er leitet ein im Frühjahr 2006 gestartetes Projekt, an dem zehn Guaraní-Dörfer beteiligt sind. Landwirtschaftliche Schulungen helfen, die Ernteerträge zu steigern. Traditionell schaffen die Guaraní durch Brandrodung kleine Parzellen, auf denen sie Maniok, Mais, Bohnen und Süßkartoffeln anbauen. Wenn der Boden nach einigen Anbauzyklen seine Fruchtbarkeit verliert, wird eine neue Parzelle angelegt und die alte nimmt der Urwald wieder in Besitz. „Nach diesem Prinzip haben die Guaraní seit undenkbaren Zeiten die Erde genutzt, aber immer in einem ausgewogenen Verhältnis zwischen der Natur und dem Leben des Ava, des Menschen. Diese Beziehung basiert auf einem tiefen Respekt und einer tiefen Sorge für die Umwelt, denn wenn die Umwelt erkrankt, erkrankt auch der Ava“, sagt P. Torres. „Heute befinden sie sich in einer Situation, die von ihnen bessere Werkzeuge verlangt, um mit größerer Effizienz mehr auf den kleinen Parzellen zu produzieren. Es ist ihnen nicht mehr möglich, die alte Weise der rotierenden Landwirtschaft zu leben, in der sie Land so lange kultivieren, wie es geht, und dann weiterziehen.“
Nachhaltigkeit statt Ausbeutung
Die industrielle Land- und Forstwirtschaft haben die natürlichen Ressourcen nicht mit dem Respekt und der Sorgfalt der Guaraní behandelt. Die Zerstörung der Wälder hat zu Bodenerosionen geführt, Pestizide und Düngemittel haben Bäche und Flüsse verschmutzt: „Bis in die 1990er Jahre war der Fischfang eine sehr wichtige Nahrungsmittelquelle für die indigenen Gemeinschaften. Heute ist das nicht mehr möglich, wegen der hohen Belastung des Wassers mit agrotoxischen Elementen aus den großen Sojaplantagen, die die indigenen Gemeinschaften umgeben.“ P. Torres und ein Agraringenieur von CEPAG entwickeln gemeinsam mit den Dorfgemeinschaften Methoden nachhaltiger Landwirtschaft. Statt Brandrodung werden angepasste Düngemethoden und Bewässerungstechniken eingesetzt. Neu gebohrte Brunnen und Wasserleitungen sorgen in den Dörfern endlich für Trinkwasser. Zugänge zu lokalen Märkten werden eröffnet, um die höheren Ernteerträge gewinnbringend zu verkaufen. Ein weiteres Ziel des Projekts ist es, die Vernetzung der Dorfgemeinschaften untereinander zu stärken, damit sie gemeinsam ihre Interessen gegenüber der Regierung einfordern.
Die Sozialstruktur der Guaraní-Dörfer folgt traditionellen Mustern: Jede Gemeinschaft wird nach außen von einem Kaziken vertreten. Er ist die höchste Autorität, er schlichtet Konflikte und er ist verantwortlich, wenn es um Gespräche und Verhandlungen mit anderen Gemeinschaften oder Institutionen geht. Neben dem Kaziken gibt es den Rat der Oporaíva, der Priester. „Die Oporaíva leiten Nembo´e jeroky, einen rituellen Gesang und Tanz. Dank Nembo´e Jeroky können die Guraní mit dem Göttlichen kommunizieren, die Umwelt verstehen und mit ihr leben. Nembo´e jeroky ist die Seele der Gemeinschaft“, erklärt P. Torres, „Die Oporaíva bewegen sich immer mit ihrer Partnerin, die mit großer Aufmerksamkeit dafür sorgt, dass es ihm an nichts fehlt. Für Außenstehende mag es erscheinen, als sei sie seine Sklavin. Von den Guaraní wird ihr Dienst als Ehre gesehen, der ihr Respekt und Bewunderung einbringt.“
Die Jesuiten-Reduktionen
Die Kultur und das Leben der Guaraní sind der großen Mehrheit im heutigen Paragauy so gut wie vollständig unbekannt. Anders sieht es mit ihrer Sprache aus. Guaraní ist neben Spanisch offizielle Landessprache und fast 90% der überwiegend mestizischen Bevölkerung spricht Guaraní. Das kann durchaus als historisches Verdienst der Jesuiten betrachtet werden. Von 1609 bis 1767 haben Jesuitenmissionare in Paraguay die Guaraní-Indianer in feste Siedlungen zusammengeführt. Ziel dieser Jesuiten-Reduktionen war neben der Evangelisierung der Schutz vor Versklavung und Ausbeutung durch die weißen Kolonialherren sowie kultureller Fortschritt. Die Jesuiten setzten sich intensiv mit der Kultur und Sprache der ihnen anvertrauten Guaraní auseinander. Sie lernten die verschiedenen Dialekte und entwickelten eine vereinheitlichte Version als Schriftsprache, die im Laufe der Zeit auch von den Campesions, der nicht-indianischen Bevölkerung auf dem Land, übernommen wurde.
In den 30 Jesuiten-Reduktionen in Paraguay lebten die Guaraní erfolgreich von der Landwirtschaft. Die Jesuiten leisteten in den mehr als 150 Jahren enorme Pionierarbeit, um gemeinsam mit den Guaraní Anbaumethoden zu erproben, die einer sesshaften Lebensweise und den klimatischen Bedingungen entsprachen. Erstmals gelang es in den Jesuiten-Reduktionen, die in unzugänglichen Regionen wachsenden Mate-Sträucher für die Herstellung des Mate-Tees zu kultivieren. Durch geduldige Arbeit hatten es die Jesuiten auch geschafft, eine Weizensorte zu züchten, die im tropischen Klima wuchs. Der landwirtschaftliche Erfolg war die materielle Grundlage, auf der die Jesuiten mit den Guaraní in den Urwäldern Paraguays ein soziales Gemeinwesen entwickeln konnten, dessen Kirchen und Musik noch heute berühmt sind. Mit der Vertreibung der Jesuiten aus Südamerika im Jahr 1767 auf Geheiß des spanischen Königs Karl III. fielen viele der Guaraní Sklavenjägern in die Hände, die Reduktionen wurden zerstört, Land, Vorräte und Saatgut den Guaraní genommen. Vieles an kultureller Leistung und landwirtschaftlichem Wissen in den Reduktionen ging unwiederbringlich verloren – z.B. das Geheimnis, Weizen im tropischen Klima wachsen zu lassen.
Die neuen Feinde
Heute, mehrere Jahrhunderte später, arbeiten Jesuiten wie P. Torres wieder mit Guaraní-Indianern zusammen. Und auch heute brauchen sie Hilfe und Unterstützung, um in einer feindlichen Umwelt ihr Überleben und ihre Kultur sichern zu können. Damals waren weißen Kolonialherren und Sklavenjäger ihre Feinde, heute sind es das aggressive Expansionsstreben großer Plantagenbesitzer, der Raubbau am Regenwald sowie die Gleichgültigkeit von Politik und Gesellschaft. „Indigene Gemeinschaften sind die Marginalisierten und Ärmsten des Landes“, betont P. Torres. „Sie sind vernachlässigt und vergessen vom Staat Paraguay. Ihnen fehlt praktisch alles an Basisversorgung: Trinkwasser, Elektrizität, ausgebaute Wege, Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Gesundheitsversorgung, Schulbildung.“ P. Torres geht es in der Zusammenarbeit mit den Guaraní auch darum, den Staat in die Pflicht zu nehmen. Gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium organisiert er regelmäßige Besuche von Krankenpflegern und Ärztinnen, um in den zehn Guaraní-Dörfern die medizinische Versorgung zu gewährleisten. Darüber hinaus finanzieren die Jesuiten über CEPAG eine Sozialarbeiterin, die Kurse und Beratung in Fragen der Gesundheitsvorsorge, Hygiene und Ernährung bietet. Auch das traditionelle medizinische Wissen der Guaraní über Krankheitsursachen und Heilpflanzen wird mit einbezogen.
Nur zwei Jahre Schule
Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Verbesserung der Schulbildung. „Die lokalen Schulen sind sehr schlecht ausgestattet“, sagt P. Torres. „Es gibt keine Schulmöbel und keine Lehrbücher. Die verschiedenen Jahrgänge werden zusammen unterrichtet, weil es an Lehrkräften fehlt. Überdies sind die Lehrer schlecht ausgebildet und mit der Kultur der Guaraní nicht vertraut.“ Nur durchschnittlich zwei Jahre Schule können Guaraní-Indianer in ihrem Leben vorweisen: „Das ist einer der kritischsten Punkte der indigenen Bevölkerung. Sie sind aufgrund ihrer geringen Schulbildung sehr verletzlich in der sie umgebenden Gesellschaft.“ Auch das zu ändern, haben sich P. Torres und seine Kollegen von CEPAG zur Aufgabe gemacht. Denn nur mit einer soliden Schulbildung werden die Guaraní-Kinder, die heute mit so fröhlichem Lachen und übermütiger Unbeschwertheit durch das Dorf toben, die Herausforderungen der Zukunft bestehen.




