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"Was sie wirkich brauchen, ist Liebe."
Ein Gespräch mit P. Luis Ruiz SJ, dem Apostel der Aussätzigen in China. Die Fragen stellte ihm P. Peter Balleis SJ.

- P. Luis Ruiz SJ (93 Jahre)
Pater Ruiz, Sie arbeiten nun seit 53 Jahren unter den Leprakranken in China. Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
P. Ruiz: Ich erfahre vor allem, was wir in der heiligen Messe beten: „Ich danke dir, Herr, denn du bist gegenwärtig und lässt mich dir dienen in den Leprakranken und Armen.“ Das gibt mir viel Freude und Trost. Wenn ich den Leprakranken begegne, begegne ich Christus. Ich umarme sie, ich drücke ihnen die Hand (wenn sie eine haben), ich tröste sie, ich denke nach, wie ich ihre miserablen Lebensbedingungen verbessern kann. Wenn ich über unmögliche Straßen zu ihnen komme, in die Berge, weit weg von jedem menschlichen Kontakt, dann sehe ich diese Leute ohne Wasser, ohne Elektrizität. Sie bekommen nicht genug zu essen, denn sie haben dafür nur 3–7 Euro im Monat. Die Häuser sind kaputt. So denke ich daran, wie ich Christus ein Haus bauen kann, wie ich Christus mit Elektrizität versorgen kann, wie ich ihm Wasser geben kann.
Wie machen Sie das konkret?
P. Ruiz: Wir müssen überlegen, wie wir das Leben dieser Menschen heute – nicht morgen – verbessern können. So sorgen wir zu allererst für Wasser, ganz gleich woher. Das nächste ist die Elektrizität. Als Drittes planen wir die Renovierung ihres Dorfes. Einmal habe ich eine 74 Jahre alte Frau getroffen. Sie kochte in einem Raum gerade etwas für sich selbst. Aber sie hatte überhaupt keine Hände. Wie das? Man kommt wirklich durcheinander, wenn man so etwas sieht. Ich rief sofort den zuständigen Mann und sagte ihm: Bitte, bauen sie eine Küche für diese Leute und holen sie zwei Frauen, eine, die das Essen bereitet, und die andere, die beim Baden und Ankleiden hilft. Natürlich musste ich sofort dafür bezahlen. Sehen Sie, die Idee ist, ihr Leben heute zu verbessern, um ihnen Hoffnung für morgen zu geben.
Wie halten Sie das denn durch? Haben Sie auch Mitarbeiter?
P. Ruiz: Ich habe die Lepraarbeit auf einer Insel begonnen, wo die Leute hinüber geschickt wurden, um zu sterben. Es war der schlimmste Ort, den es weit und breit gab. So sagte mir der Arzt. Heute steht dort das beste Lepradorf von ganz China. Das Geheimnis dieses Erfolges ist nicht meine Hilfe. Es ist die Liebe der Schwestern. Es war wie ein Wunder, dass die chinesische Regierung einer Gruppe von Ordensschwestern erlaubt hat, an einem solchen Ort zu arbeiten. Ich habe verstanden, dass das, was die Leprakranken heute brauchen, nicht in erster Linie Gebäude, Wohnungen, Kleider sind. Was sie wirklich brauchen, ist Liebe. Denn niemand gibt ihnen Zuwendung, niemand liebt sie. Die Regierung erhält sie am Leben, nichts sonst. Wenn wir mit der Liebe Christi kommen, das bewegt sie. Aber wir müssen nach ein paar Stunden wieder gehen. So habe ich darum gebeten, dass Schwestern kommen dürfen, die 24 Stunden da sind, für sie sorgen, das Essen bereiten, ihre Wunden pflegen – jeden Tag. Dann fangen die Kranken an zu lächeln.
Gibt es unter den Leprakranken auch Christen?
P. Ruiz: Ja, in einem Lepradorf gibt es eine kleine Gruppe von Christen. Sie kommen jeden Morgen um 5 Uhr in die Kapelle. Ich habe ihnen nahe gelegt, für meine Freunde zu beten, die ihnen helfen. Leider darf ich nur mit einer besonderen Erlaubnis der chinesischen Regierung die hl. Messe mit ihnen feiern.
Weiß die chinesische Regierung, dass Sie Jesuit sind?
P. Ruiz: Sie wissen, dass ich Priester und Jesuit bin. Das Gesundheitsamt lädt uns ja ein und ist froh, dass wir kommen und den Leuten helfen. Sie sagen, dass sie selbst das nicht tun können. Und jetzt bei den neuen Einladungen fragen sie schon selbst, ob auch Ordensschwestern mitkommen können. Es ist ein Segen, dass ich 14 Orte mit Schwestern habe und 5 Orte, die noch auf Schwestern warten.
Woher kommen die Schwestern?
P. Ruiz: Die ersten Schwestern kamen aus Indien und Spanien. Aber jetzt sind alle chinesische Schwestern aus chinesischen Schwesternkongregationen im Inneren Chinas. Diese Schwestern müssen wir jetzt auf ihren Dienst in den Lepradörfern vorbereiten. Sie kommen wirklich, um zu dienen, nicht als Verwalter für die Regierung. Wir übernehmen alle Kosten, die sie haben. Es ist ein großer Segen Gottes, dass wir diese liebenden und heroischen Schwestern in die Lepradörfer schicken können, wo sie jeden Tag, Sommer und Winter 24 Stunden bei den Kranken sind. Die Dörfer sind wirklich weit ab von jeder Zivilisation.
Sie sind jetzt 90 Jahre alt. Woher nehmen Sie die Energie für diese Arbeit?
P. Ruiz: Kürzlich sind wir mit dem Wagen in 14 Tagen 4000 Kilometer durch China gefahren. Zwei Monate zuvor war ich 29 Stunden im Zug und bin dabei 2000 Kilometer gefahren. Ich bin nicht müde. Ich bin sehr glücklich, dass ich Menschen glücklich machen kann. Ich sage jedem: Nichts macht glücklicher, als andere glücklich zu machen. Ich sage das auch meinen Leprakranken: Wenn ihr glücklich sein wollt, macht eure Brüder und Schwestern glücklich! Ich sage das selbst den Regierungsbeamten: Wir Christen haben von Christus den Auftrag: Geht und liebt eure Brüder und Schwestern. Liebt einander, wie ich euch liebe. Ich empfehle ihnen: Macht es ähnlich und ihr werdet sehr glücklich sein. Ich glaube, sie verstehen das.
Sie sind seit 65 Jahren in China. Wie hat sich China in dieser Zeit verändert und verändert es sich auch heute noch?
P. Ruiz: China verändert sich sehr schnell. Nicht nur wirtschaftlich, sondern in seiner ganzen Weltsicht. Was die Religion angeht, haben sie allerdings Angst vor dem Christentum, besonders vor den Katholiken und da ganz besonders vor den Jesuiten. Einmal haben sie mir zwei Jahre lang das Visum verweigert. Als sie es mir wieder gaben, haben sie mir gesagt: Predigen sie nicht! Wir predigen auch nicht mit den Lippen. Wir predigen mit unseren Taten, wie Christus gesagt hat. Und sie wissen das.
Was macht Sie denn so zuversichtlich?
P. Ruiz: Meine Arbeit geschieht im Glauben, im Glauben an unseren Vater im Himmel, der auch der Vater der Leprakranken ist. So bin ich zuversichtlich, dass er auch das Werk leitet, das ich tue. Ich verstehe selbst nicht, wie wir heute jeden Monat 6000 Leprakranken helfen können, dass sie genug zu essen haben. Wie wir 2000 Schülern und Schülerinnen zum Schulbesuch verhelfen können. Wie wir immer neue Zentren bauen und Schwestern dort hinbringen können. Ich weiß es nicht und ich will es auch nicht wissen, weil der Herr hier hilft und weil es sein Werk ist. Als ich 1953 meine karitative Arbeit in Macao begann, hatte ich dafür 200 Hongkong-Dollar im Monat zur Verfügung. Heute sind es eine Million Hongkong-Dollar, manchmal auch mehr. Das ist alles Frucht des Glaubens.
In wie vielen Ländern haben Sie Freunde?
P. Ruiz: Wir haben jetzt 100 Lepradörfer im Norden und 40 im Süden Chinas. Die Unterstützung kommt wirklich vom Himmel. Alles kommt von Ihm durch seine Freunde, nicht durch meine Freunde. Ich muss nur unserem Herrn danken, und dann auch Ihnen. Ich bete, dass unser Herr Sie und alle Ihre Wohltäter belohnt für den Trost und all die Hilfe, die Sie den armen Menschen und darin dem Herrn selbst gegeben haben. Ich bete jeden Tag für Sie voll Dankbarkeit. Ich glaube an das, was Jesus gesagt hat: „Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem überfließendem Maß wird man euch beschenken.“ (Lk 6,38)







