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Angekommen in Indien

Es blieb mir nichts anderes übrig, als den beiden fremden Männern zu vertrauen, die mich in einem riesigen Bus an den Inlandsflughafen fuhren, nachdem ich mich von ca. 00:00Uhr bis 5:30Uhr im Aufenthaltsbereich des internationalen Flughafens versucht hatte wach zu halten. Wenn das meine Eltern wüssten! Dachte ich bei mir, als wir nach 15 Minuten noch immer durch die Stadt fuhren. Auch während der Fahrt vom Zielflughafen nach Kalimpong, wo sich die Gandhi Ashram Schule befindet, zuckte ich jedes Mal zusammen, wenn wir auf Fahrradfahrer oder Motorräder zurasten und der Fahrer erst kurz vor dem Zusammenstoß abbremste. Es waren viele Fußgänger und Schulkinder mit Fahrrädern auf der Straße unterwegs, zwischen den Wettrennen fahrenden Autos und schienen keine Angst zu haben. Das hatte mich sehr fasziniert, und noch mehr, dass tatsächlich alles gut ging. In all dem Chaos scheinen die Menschen doch sehr bedacht und rücksichtsvoll anderen gegenüber zu handeln. Auch für ein kleines Kätzchen, das über die Straße sprang, bremste der Fahrer. Ich muss wirklich so erschöpft wie noch nie in meinem Leben gewesen sein, als ich während einer solchen Autofahrt einschlief. Aber vielleicht hatte ich die prägendste Erfahrung meines gesamten Indienaufenthaltes bereits in den ersten Stunden nach meiner Ankunft begonnen zu lernen: Vertrauen zu fassen.

Als ich an meinem ersten Tag in Kalimpong über das Schulgrundstück ging, kamen mir viele Kinder freudestrahlend entgegen, mit ihren dunklen Augen und riefen: „Good morning Miss!“ In den zehn Monaten, die ich mit ihnen verbrachte, war ich immer wieder von der Unbeschwertheit und Zufriedenheit dieser Kinder überrascht und berührt. Die Schüler der Gandhi Ashram Schule kommen aus sehr einfachen Lebensumständen. Sie müssen zu Hause zum Teil viel arbeiten und haben manchmal wenig Gelegenheit, mit anderen Kindern zu spielen. Es war so beeindruckend für mich, wie lebensfroh und herzlich die Kinder aus diesem Hintergrund sind. Manche Menschen haben so ein hartes Leben, arbeiten viel und leben vom Nötigsten, aber sie klagen nicht und scheinen zufrieden und dankbarer zu sein, für das was sie haben. Vor allem haben sie Zeit füreinander. Wann immer ich unerwartet bei Schülern der Gandhi Ashram Schule vorbei lief, luden sie mich ein, ihr Gast zu sein. Oft sah ich Gruppen von Männern beieinander sitzen. Manchmal redeten sie auch gar nicht viel, sondern saßen einfach zusammen. Einerseits haben sie vielleicht weiter nichts zu tun gehabt in diesem Moment, andererseits schien mir das Zusammensein an sich schon einen Wert zu haben.

In den zehn Monaten, die ich in Indien verbrachte, hat die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen dort nur selten bei mir das Gefühl aufkommen lassen, dass ich gern woanders wäre.

Freude am Musizieren

Es wird eigentlich ständig gesungen in Kalimpong. Wenn die Schüler für eine Prüfung lernen, lesen sie sich den Inhalt ihrer Hefte laut vor, wobei es kein gesprochenes Vorlesen, sondern ein gesungenes ist. Fast als würden sie meditieren. Eher gesungen als gesprochen hören sie es von der Lehrerin und imitieren den Gesang. Dabei ist natürlich zu hinterfragen, ob der Lernerfolg tatsächlich mit der Lautstärke des sich Vorlesens zusammenhängt. Manchmal scheint es eher darum zu gehen, den Nachbarn darin zu überbieten.

Wann immer die Kinder Musik hören, singen sie sie mit und später nach. So viel wie sie sich gerade gemerkt haben singen sie immer wieder lauthals vor sich hin. Einmal konnte ich für einige Zeit zwei kleinen Sängern lauschen, die gerade mit-oder vielleicht auch ein bisschen gegeneinander- so laut sie konnten von einer Bergklippe sangen und sich dabei amüsierten.

Mein erster Gedanke, als ich von den Geigenkindern in Indien hörte war, dass Geige doch ein klassisches europäisches Instrument ist und dort bestimmt wenig bekannt. Warum sollen die Kinder also Geige lernen? Die Schüler lernen ab der ersten Klasse in der auf Musik ausgerichteten Schule, Geige zu spielen. Als ich dann dort war, stellte ich fest, dass in fast jedem Hindisong meistens im Hintergrund die Geigen spielen und dass insgesamt unerwartet wenig indische klassische Musik zu hören war. Die populare Musik unterscheidet sich tatsächlich nicht so wesentlich von unseren Hörgewohnheiten und Rockmusik, das habe ich auf einem Festival in Sikkim feststellen können, findet scheinbar weltweit einen Konsens. Das Streichorchester der Schule spielt viele bekannte Songs und nepalische Lieder nach, die vom Musiklehrer arrangiert wurden. Die Geigenschüler aus der Gandhi Ashram Schule sind in Kalimpong und weit darüber hinaus bekannt und eine Besonderheit. Manchmal scheint es für die Kinder der Schule selbst gar nicht so etwas Besonderes zu sein, dass sie Geige spielen. Sie wachsen mit der Geige in der Hand auf und es ist ganz normal, dass sie sie spielen können. Aber sie können damit etwas, was reichere Kinder gerne lernen würden. Wenn das Orchester zu Konzerten eingeladen wird, erleben die Schüler andere Städte, kommen mit verschiedenen Menschen in Kontakt, und lernen Kompetenz darin auf einer Bühne zu stehen. Als ich die älteren Schüler fragte, ob das Geigespielen für sie eine besondere Bedeutung habe, antworteten viele, dass es sie, wenn sie traurig oder verärgert sind, wieder glücklich stimmt. Sie erhalten eine Möglichkeit, sich selbst Ausdruck zu verleihen.

Die Schüler der Gandhi Ashram Schule haben die Chance, über einen Bildungsstandard hinaus eine Fähigkeit ganz selbstverständlich von klein auf zu lernen, die ihnen später von großem Nutzen sein kann, sie beherrschen ein in Indien seltenes Instrument.

Ich möchte mich ganz herzlich bei der Jesuiten Mission aus Nürnberg bedanken, dass mir diese wundervolle Zeit in Indien ermöglicht wurde! Vielen Dank für die Begleitung und Unterstützung in den zehn Monaten meines Aufenthaltes.

Ganz herzlichen Dank auch für all die lieben Nachrichten und die Unterstützung meiner Freunde zu Hause und meiner Familie!

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Margarethe Finck war von September 2008 bis Juni 2009 auch als Freiwillige in der Gandhi-Ashram-Schule im Einsatz.
Die Kinder lieben es, zusammen mit den Freiwilligen Musik zu machen.