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Geigenbau am Fuße des Himalayas –
ein Jahr als Geigenbauerin an der Gandhi-Ashram-Schule in Nordindien
Als ich im Juli 2006 meine Ausbildung als Geigenbauerin abgeschlossen hatte, wollte ich unbedingt in ein Entwicklungsland und in einem sozialen Projekt arbeiten. Ich wollte ihren Alltag teilen und für die Menschen und Kinder da sein und irgendetwas tun, um zu helfen und auch einfach das Leben in so einem Land kennenlernen. Nur hatte ich bei dieser Überlegung einfach das Gefühl den falschen Beruf gelernt zu haben…! Was sollte denn Geigenbau mit einem Entwicklungsland oder einem sozialen Dienst zu tun haben. Ich spielte schon mit dem Gedanken ein Jahr etwas ganz anderes zu tun und einfach unabhängig von meinem Beruf in einem sozialen Projekt zu arbeiten. Bis ich davon hörte, dass es irgendwo in Indien eine Schule geben soll, an der alle Kinder Geige spielen lernen – und da lag der Gedanke nahe: wo es Geigen gibt, da kann man sicher auch jemanden gebrauchen, der diese Geigen reparieren würde. Bei dieser Schule handelte es sich um die Gandhi Ashram School in Kalimpong. Meine Idee als Geigenbauerin dorthin zu fahren wurde mit so einer Begeisterung von der Jesuitenmission in Nürnberg aufgenommen und auch die ehemaligen Volontäre, die dort Geigenunterricht gegeben hatten, ließen meine letzten Zweifel verschwinden und es stand dann fest – ich würde als erste Geigenbauerin nach Indien fahren!
Ohne die Situation vor Ort wirklich einschätzen zu können und ohne jegliche Berufserfahrung versuchte ich mich so gut es geht auf mein Jahr in Indien vorzubereiten. Und irgendwie abzuschätzen, welche speziellen Werkzeuge und Zubehörteile würde ich am nötigsten brauchen, bzw. würde ich irgendetwas vor Ort besorgen können?
Der Einstieg
Im September 2006 kam ich dann voller Enthusiasmus, aber auch mit etwas Angst was mich erwarten würde in Kalimpong an. Im Gepäck nur die absolut wichtigsten Werkzeuge und das Wissen, das ich mir an der Geigenbauschule angeeignet hatte.
Am nächsten Morgen wurde mir dann ein Raum mit 80 oder mehr kaputten Instrumenten gezeigt – meine zukünftige Werkstatt… Die Instrumente in den Schränken, auf denen die Kinder spielten, waren eigentlich alle auch in einem Zustand, in dem man sie hier bei uns in Europa oft gar nicht mehr spielen würde. Ich war überwältigt und mir ging nur durch den Kopf – wie sollte ich das jemals schaffen, diese Anzahl an Instrumenten zu reparieren? Wo sollte ich anfangen?
Lose Griffbretter und Hälse, Wirbel die nur mit einem Messer angespitzt waren, total verbogene Stege, von Mäusen angeknabberte F-Löcher, tiefe Kratzer, umgefallene oder fehlende Stimmstöcke. Überhaupt nur 5 Celli an der ganzen Schule, wobei 2 davon gespielt wurden, obwohl eigentlich gar nichts daran stimmte. Ganz zu schweigen von den Bögen der Instrumente, eigentlich wäre es nötig gewesen alle neu zu behaaren, bei vielen war es gar nicht mehr möglich die Haare zu spannen. Und letzten Endes waren viele nicht mehr zu retten.
Ich war so überwältigt von diesen vielen kaputten Instrumenten, dass ich mich einfach nur total verloren und allein fühlte. Irgendwie sah es nach einer so aussichtlosen Situation aus…
Ein Erlebnis aus meinem Jahr in Indien, werde ich wohl nie vergessen…
„Einmal war das Orchester fertig, um zu spielen anzufangen und alle nahmen ihre Instrumente hoch und es gab nur ein Geräusch ‚klack, klack, klack‘ aus verschiedenen Richtungen zu hören – nun ja, das Nebengeräusch, das entsteht, wenn man eine Geige hochnimmt, in der der Stimmstock umgefallen ist…“
Die Kinder aus den Dörfern
Zwischen all den kaputten Instrumenten waren es dann aber gerade die Kinder, die mich immer wieder die Arbeit anpacken ließen. Die Kinder, die jeden Tag in ihren Flip-Flops aus den Dörfern mit soviel Hoffnung, Freude in die Schule kamen, eben auch wegen der Geigen. Sie haben voller Enthusiasmus und Freude geübt. Und jedesmal wenn ich sie unterrichtet habe und sie mit strahlenden Augen Geige spielen sah, dann wusste ich, warum ich gekommen war und warum meine Arbeit für sie aber auch für mich wichtig war.
Die Kinder leben mit ihren Eltern, Großeltern und Geschwistern in einfachen Lehmhütten, die aus 2, manchmal 3 Räumen und einer Küche bestehen. Wenn es eine Familie ist, die etwas mehr Geld hat dann haben sie ein Wellblechdach, sonst ist es manchmal auch noch mit Stroh gedeckt, manche haben noch nicht mal mehr Fensterscheiben und an ein Badezimmer oder fließendes Wasser ist bei keinem der Häuser überhaupt zu denken.
Von den Familien wurde mir eine unglaubliche Gastfreundschaft entgegengebracht – ich habe das in dieser Form noch nie vorher so erlebt! Es ist ganz anders als bei uns! Dort wird nur für den Gast gekocht und es schauen dir alle dabei zu, wie du das speziell für dich gekochte Essen isst, während keiner sonst mitisst. Manchmal war es mir auch fast schon unangenehm, aber es wäre total unhöflich eine solche Einladung nicht anzunehmen. Und es bedeutet den Familien so viel, wenn du sie als Europäer in ihrem Dorf und ihrem Haus besuchen kommst!
Meinen Plan, jemanden vor Ort anzuleiten und im Geigenbau zu unterrichten, musste ich einfach aufgeben. Wie sollten die Leute vor Ort denn auch verstehen, dass Geigenbau so richtig ein Beruf ist, ein Beruf den man so richtig lernen muss, wenn sie diesen Beruf vorher gar nie überhaupt kennengelernt haben. Wie sollte sich jemand finden, der Geigenbau wirklich lernen wollte und es nicht nur als Zeitvertreib oder ein Hobby nebenher ansieht, das man mal eben nebenher lernt, wo man nur hin und wieder mal einen Nachmittag kommen braucht und das dann schon klappt. Und wenn immer nur hin und wieder jemand kommt, dann realisierte ich, würde ich sehr viel Zeit für Erklärungen aufwenden, die ohne die nötige Übung auch schnell wieder vergessen wären. Wie sollte ich das den Menschen vor Ort verübeln, wenn sie all das einfach nicht kannten. Und deshalb, verschob ich den Plan und reparierte einfach so viele Instrumente, wie möglich in diesem Jahr. So konnte sich vielleicht ganz langsam bei den Lehrern und Kindern der Gedanke manifestieren, dass es diesen Beruf gibt und es spannend sein könnte das zu lernen. Und daraus würde dann vielleicht das Interesse für den Geigenbau bei dem ein oder anderen der Kinder entwickeln, für später, nach dem Schulabschluss…
Die Rückkehr
Als ich im Sommer 2007 mit den Erlebnissen und Erfahrungen, dieses Jahres in Indien zurück nach Deutschland kam konnte ich es unmöglich nur bei diesem einen Jahr Einsatz belassen. Ich überlegte intensiv, wie man meine angefangene Arbeit fortführen könnte. Noch in Indien hatte ich versucht, einen Geigenbauer oder eine Geigenbauerin zu finden, die wie ich, für ein Jahr oder ein halbes Jahr als Freiwillige(r) nach Indien fahren würde und dann vielleicht auch wirklich damit beginnen könnte vor Ort jemanden anzuleiten. Aber auf meine Anfragen in den Geigenbauschulen Europas, kam leider keine Rückmeldung von Interessenten für einen längeren Zeitraum. Bei weiteren Überlegungen und Gesprächen fand ich dann leider erst nach meinem Jahr in Indien heraus, dass es eine kleine Organisation in Belgien gibt, die sich ‚Luthiers sans Frontiers‘ – ‚Geigenbauer ohne Grenzen‘ nennt. Hoffnungsvoll fuhr ich nach Brüssel, um den Vorsitzenden zu treffen und ihm mein Projekt vorzustellen, auch mit dem Gedanken an eine mögliche Zusammenarbeit. Gespannt war ich darauf, welche Projekte die Organisation selber betreute, wie lange schon und vor allem wie sie das organisierte. Wie konnte die Zukunft für ein solches Projekt aussehen? Gemeinsam entstand, dann die Idee ein Ausbildungsprogramm über einen längeren Zeitraum zu starten, so wie sie in ähnlicher Weise bei ihren eigenen Projekten vorgingen.
Das Programm sieht folgenderweise aus:
Das angestrebte Ziel ist: 2 oder mehr Geigenbauer an der Gandhi Ashram School auszubilden, die die Instrumente der Schule aber evtl. auch in weiterer Zukunft, die Instrumente von Musikern aus den umliegenden Dörfern und Orten selbständig reparieren können und dadurch eine Existenzgrundlage haben!
Die Umsetzung erfolgt folgendermaßen: 3-4 mal im Jahr werden Geigenbauer für 4-8 Wochen nach Kalimpong fahren und vor Ort 2 oder mehr Geigenbauer anleiten ihre eigenen Instrumente zu reparieren und instand zu halten.
Im August 2008 machte ich mich dann ein Jahr nach meiner Rückkehr wieder auf den Weg nach Indien, diesmal aber nur für 4 Wochen und mit einem ganz anderen Ziel. Ich wollte und sollte abklären, ob auch von der Gandhi Ashram School aus das Interesse vorhanden war, dass wir ein solches Ausbildungsprogramm umzusetzen. Und vor allem wollte ich nach potentiellen Auszubildenden Ausschau halten. In Form einer offenen Werkstatt für 2 ½ Wochen wollte ich nochmal intensiv jedem der Interesse hat die Möglichkeit geben einen Einblick in den Geigenbau geben und diejenigen auch gleich selber etwas arbeiten lassen. Ich fand tatsächlich damals noch 5 mögliche Auszubildende und das Interesse des Schulleiters und der Lehrer. Ich war also wieder einen Schritt weiter gekommen!
Und im April 2009 war es dann endlich soweit und die ersten Geigenbauer sind nach Indien gefahren, um mit dem ‚Ausbildungsprogramm‘ zu beginnen. An der Gandhi Ashram School war die Zahl der ‚Auszubildenden‘ zwar wieder auf nur 2 gesunken aber diese 2 waren da! Und sie waren wirklich engagiert, insbesondere Vivienne, einer der Lehrer der Schule, der wirklich jeden Tag nach der Schule in die Werkstatt kam – regelmäßig und aus absolutem Interesse und Eigenengagement! Seit April waren jetzt schon 5 Geigenbauer, also 3 Teams an der Gandhi Ashram School. Sie haben alle wunderbare Arbeit geleistet und das Projekt wirklich vorangetrieben. Jede(r) einzelne kam mit wertvollen persönlichen Erlebnissen, neuen Freundschaften und dem Wunsch nochmal irgendwann später wieder an die Gandhi Ashram School zu fahren zurück. Insgesamt war es bisher also ein erfolgreicher und hoffnungsvoller Start! Für eine erfolgreiche Fortführung des Projektes sind wir aber weiterhin darauf angewiesen, dass in regelmäßigen Abständen Geigenbauer an die Gandhi Ashram School fahren und unsere ‚Auszubildenden‘ – William und Vivien – anzuleiten, zu korrigieren und zu motivieren! Und natürlich benötigen wir für die Umsetzung weiterhin Werkzeuge und Materialien, wobei wir weiterhin auf Sponsoren angewiesen sind.
Ich kann es oft selber gar nicht richtig glauben, dass sich das alles bisher so gut entwickelt hat und sehe der weiteren Entwicklung mit Hoffnung aber auch stetiger Aufmerksamkeit entgegen!
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- Silke Lichtenberg war von September 2006 bis Sommer 2007 über das Freiwilligenprogramm der Jesuitenmission als Geigenbauerin in der Gandhi-Ashram-Schule in Kalimpong, im Norden von Indien, im Einsatz.

- Ein kurzer Blick durch das Fenster in die Werkstatt von Silke Lichtenberg in der Gandhi-Ashram-Schule.

- Interessierte Schüler lernen, wie man kleinere Reparaturen an den Instrumenten erledigt.







